Die Geschichte des Herrn R.

Frei kopiert von „Die Geschichte des Herrn K.”, einem Beitrag von Susanne Duch – danke für Idee und so manche Formulierung 😉 .

Dies ist die Geschichte des Herrn R., einem geselligen, denkenden Menschen, der, wenn man seinem Umfeld glaubt, „der Vernünftigen einer” war. Aber das war lange vor seinem Selbstversuch.

Als R. 40 wurde, geriet er etwas in die Krise und beschloss, sich selbst neu zu finden. Der Aufruhr eines Gefühls gegen den Rest – die übermächtige Vernunft.

Als Student spielte R. alles außer Billard und Karten und er hörte gerne Musik. Dafür kennen wir ihn heute allerdings nicht mehr. Der Grund für seinen Aufstieg liegt allein in seinen Fähigkeiten, wie er es selber beschrieb. Anstoß dazu gab die Bekanntschaft mit einer „Fürstin“ – Georgia, die R. in den Kreis der ihren erwählte. Es war eine Freundschaft, die, wie R. betonte, nicht auf Gefühlen, sondern rein auf Kalkülen beruhte.

Wöchentlich waren Georgia und R. am Mittwoch verabredet. R. pflegte in solchen Situationen schon früher am verabredeten Platz zu sein. Georgia, unbeeindruckt davon, verspätete sich um Minuten oder Stunden, aber R. wartete geduldig. Dieser Unart nachgeben? Sich nicht an die getroffenen Verabredungen halten? Das wäre gegen R’s Maxime gewesen. Also blieb er einfach bei Georgia sitzen und legte sich mächtig sodann ins Zeug, wenn es an der Zeit war.

Zutiefst beeindruckt fasste Georgia den Entschluss, R. bestmöglich zu unterstützen und der warf gewohnte Tugenden und Regeln über Bord, wann immer es ging, um den Gefühlen und Emotionen mehr Platz einzuräumen. Tag auf, Tag ab sang er. Früher war R. gern ins Theater oder Konzert gegangen und hatte Musik gemocht – nun machte er sie und war ihr fast gänzlich verfallen. Jedwede andere Zerstreuung gab er auf und war sonst auch zu recht wenig anderem zu gebrauchen.

Er ging nicht schlafen, wenn es Zeit war, sondern wenn er glaubte, müde zu sein. Er aß nicht, wenn andere aßen, sondern wenn er glaubte, hungrig zu sein. Die eiserne Disziplin war dahin – zwanzig lange Jahre hatte er nachgedacht, doch dann wollte er es doch wissen …

In diesem Moment erwachte R. und die Vernunft war zurück, und das Leben, wie es zuvor bereits immer gewesen.

R. ging auf die Achtzig zu, als er sich fragte, was sein Festhalten an der reinen Vernunft gebracht hatte. Freunden gegenüber klagte er, dass er um keinen Preis sein Leben noch einmal so leben wollte, wie er es gelebt hatte. Und er sehnte sich so sehr nach Reisen, nach Bühnen, nach Auftritten … er hastete von einer Veranstaltung zur nächsten und drehte fast durch, wenn er daran dachte, dass vielleicht auch er …

Dieser Beitrag wurde unter Georgien, Schreck, Sekunde, Sibirien, Traum veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu Die Geschichte des Herrn R.

  1. lamiacucina schreibt:

    Der Wechsel des Musikfachs, z.B. auf Blockflöte, könnte ebenso wirksam sein, wie der kalte Wasserguss der Vernunft nach dem Erwachen. Vielleicht.

  2. the rufus schreibt:

    Wunder Punkt, die Blockflöte. Bei der war ich schon als kleiner Bub – war in meinen Kreisen eine äußerst beliebte Hieb- und Stichwaffe 🙂

  3. kalesco schreibt:

    ojojoj

    Triangel vielleicht?

  4. the rufus schreibt:

    Super Idee! Habe 2 zuhause – brauche sie mir daher nur beim Töchterlein ausleihen 😉

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